Warum Segelfliegen - Eine Ermutigung für (noch etwas) unsichere Eltern

Nehmen wir mal an, ich würde Ihnen erzählen, ich könnte Ihren Sohn, Ihre Tochter oder ihren Enkel dazu bringen, geradezu enthusiastisch Geografie, Mathematik und Physik zu lernen. Und sagen wir mal, Sie dürften nach dieser Ansage erstmal meinen Kopf unter­suchen und fänden nichts Besorgniser­regendes - wären Sie dann interessiert? Äh und sagen wir mal, als Zugabe könnte ich erreichen, dass er bzw. sie sich frei­willig in die Gesellschaft von hoch moti­vierten, gebildeten und zum Teil auch deutlich älteren Personen begibt. Men­schen die als Vorbild dienen könnten, die mit Suchtmitteln wie Nikotin oder ähn­lichem nichts zu tun haben, die keine Graffitis an Wände sprühen, keine Täto­wierungen tragen und in der Erledigung ihrer Arbeit und Aufgaben einiges an Ehr­geiz an den Tag legen.

Sind Sie doch noch da, oder? Okay - dann lassen Sie uns mal über die Segel­flugausbildung im Allgemeinen und bei der LSG Bad Pyrmont-Lügde reden und warum es einen Sinn ergibt interes­sierten und verantwortungsbewussten Teenagern das Segelfliegen näher zu bringen. Denn genau dass, was Sie ge­rade gelesen haben, passiert bei uns das ganze Jahr - ob Sie es glauben oder nicht.

Okay werden sie vielleicht sagen, das hört sich ja alles schön und gut an, aber ist das mit dem Segelfliegen nicht eine unheimlich abgehobene Angelegenheit. Fliegen ist doch nicht ganz ungefährlich und kostet doch, oder?

Sie mögen Ihre Gründe haben, so zu denken oder zu fühlen wie Sie es eben tun, aber erlauben Sie mir Ihnen eine an­dere Perspektive vorzustellen, warum Sie das Interesse eines Jugendlichen am Fliegen fördern und unterstützen sollten. Vielleicht gelingt es mir sogar, Sie zu überzeugen, dass eine Segelflugaus­bildung zu den besten Investitionen für die Ausbildung/Erziehung Ihres Kindes gehören könnte!

Die Sozialwissenschaften bestätigen die allgemeine Lebenserfahrung - auf die Persönlichkeitsbildung von Teena­gern hat die Umgebung, insbesondere die dort anzutreffenden Menschen und insbesondere Menschen vergleichbaren Alters, mindestens denselben vielleicht sogar einen größeren Einfluss als die eigenen Eltern. Stellen Sie sich vor ein am Fliegen und an Flugzeugen interes­sierter Teenager wird durch eine Flug­ausbildung in eine solche Umgebung eingetaucht. In dem Augenblick, in dem er sich zum ersten Mal auf dem Flug­platz bewegt und dabei schon am Bo­den mit seiner Flugausbildung beginnt, setzt er sich mit den Regeln, Verhaltens­weisen und auch der zu übernehmen­den Verantwortung auseinander. Er nim­mt wahr, wie seine Altersgenossen wichtige Aufgaben erledigen, von deren sorgfältiger Erledigung das Leben und die Gesundheit anderer Menschen ab­hängen und dass sich jedermann auf genau diese Jugendlichen verlässt.

Die allermeisten Personen, die ihrem Kind während seiner Flugausbildung be­gegnen, sind hoch motivierte, gut aus­gebildete und engagierte Menschen - meistens älter und entsprechend reifer als Ihr Junge oder Ihr Mädchen. Glauben Sie mir - plötzlich wird sich Ihr Teenager mit Werten auseinanderset­zen (müssen), wie Selbstdisziplin, frei­willigem eigenständigem Lernen und Ei­genständigkeit - denn ohne eine Weiter­entwicklung in diesen Dingen wird er nicht die Verantwortung übertragen be­kommen, nach der er oder sie geradezu verlangt, damit man unter „seines Gleichen“ auf dem Flugplatz etwas gilt.

Würden Sie sich in Ihren wildesten Träumen vorstellen, dass dies alles frei­willig geschieht - glauben Sie mir dies ist möglich. Und als wenn dies nicht Grund genug wäre eine Flugausbildung zu un­terstützen - es gibt noch einen besseren Grund.

Jugendliche sind in einem bestimmten Alter wie Staubsauger - und so saugen Sie auf, was Ihnen die Umgebung an­bietet. Insofern macht es Sinn, wenn junge Leute sich mit interessanten und sinnvollen Dingen auseinandersetzen (insbesondere Dinge, die nicht mit dem Durchlöchern von Körperteilen oder dem unauslöschlichen Einfärben ihrer Haut einhergehen). Irgendwie hoffen doch alle Eltern, dass es bei solch einer Gele­genheit bei ihren Zöglingen „Klick“ macht und so etwas wie das brennende Verlangen entsteht, sich einer sinnvollen Sache zu widmen - ich glaube dies ist für die meisten Eltern so etwas wie der „Heilige Gral“ der Erziehung?

Ich möchte Ihnen noch einen weiteren Grund nennen, warum die Ausbildung zum Segelflieger für Jugendliche über­legenswert ist! Es ist für interessierte junge Leute ein angemessener Weg ein gesundes Selbstwertgefühl und Selbst­bewusstsein zu entwickeln ohne über­heblich zu werden. Dies geschieht aber nicht dadurch, dass Anerkennung das Ergebnis von schlichter Anwesenheit ist, sondern es muss in der Gemeinschaft der Segelflieger erarbeitet und damit verdient werden. Dies ist nicht immer leicht, aber grundsätzlich für jeden, der guten Willens ist, möglich! Dadurch dass es ehrlich verdient ist, hat es auch einen Wert und wird dann nicht leichtfertig (durch Unzuverlässigkeit) verspielt. Ken­nen wir dies nicht alle aus eigener Er­fahrung, dass Dinge, die wir uns erarbei­tet haben, oft einen viel höheren ideellen Wert besitzen, wie etwas, was wir ge­schenkt bekamen?

Wäre es nicht eine phantastische Vorstellung, Ihre Tochter, Ihr Sohn oder Enkel lernt Segelfliegen, macht im Alter von 14 Jahren den ersten Alleinflug und erwirbt mit 16 Jahren die Lizenz zum Segelflugzeugführer um eigenverant­wortlich und verantwortungsbewusst sich mit seinen Fliegerkameraden aber auch mit Jumbo-Jets denselben Luft­raum zu teilen. Den Weg dorthin hat sie/er sich im Wesentlichen selbst geeb­net, hat sich auf Prüfungen vorbereitet und diese bestanden und dabei Eigen­schaften wie Selbstdisziplin etc. ent­wickelt, die von anderen anerkannt und geschätzt werden. Dies geschieht bei der LSG Bad Pyrmont-Lügde jedes Jahr immer wieder aufs Neue.

Wenn man etwas Neues lernt, verän­dert man sich auch selbst - wenn Ihr Teenager sich zur Fliege rei hingezogen fühlt, geben Sie ihm doch die Chance sich in eine neue Richtung zu entwickeln.

A. Bubenik ©

Dr. A. Bubenik ist Flug­lehrer und stellvertretender Ausbildungsleiter des Aeroclub Nastätten! Wir danken dem ACN dafür, dass wir diesen Text hier veröffentlichen dürfen.

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Martin Schenkemeyer Martin Schenkemeyer


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